8. November 1975, Weserstadion. 32 Minuten sind gespielt, da pfeift der Schiedsrichter zur Halbzeit. Die Spieler verstehen es nicht, die Trainer nicht, die Leute auf den Rängen schon gar nicht. Die Erklärung kam später, und sie hatte mit dem Mittagessen zu tun.

Auf den Mann kommen wir ganz am Ende zurück. Vorher gibt’s neun weitere Geschichten, bei denen man sich fragt, ob das wirklich so passiert ist. Ist es. Hier sind die zehn kuriosesten Momente der Bundesliga-Geschichte, von Platz 10 bis Platz 1.

Platz 10: Sebastian Langkamp und die Grätsche, die zum Traumtor wurde

25. April 2009, 29. Spieltag. Leverkusen hat ein Heimspiel, aber nicht in Leverkusen. Die BayArena wird umgebaut, also weicht die Werkself nach Düsseldorf aus. Zu Gast ist der Karlsruher SC, tief im Abstiegskampf.

Im Mittelkreis will KSC-Verteidiger Sebastian Langkamp einen Leverkusener Konter stoppen. Er springt rein, volle Grätsche, Innenverteidiger-Handwerk. Nur trifft er den Ball so, dass der abhebt. Eine Bogenlampe über das halbe Spielfeld, und hinten senkt sich das Ding ins Leverkusener Tor.

Ein Tor per Grätsche. Aus dem Mittelkreis. Muss man auch erst mal hinkriegen.

Es blieb das einzige Tor des Tages. Karlsruhe gewann 1:0 und nahm drei wichtige Punkte mit. Ein Happy End wurde es trotzdem nicht: Am Saisonende stieg der KSC ab. Langkamp spielte danach noch Jahre in der Bundesliga, für Augsburg, Hertha und Bremen. Aber wer seinen Namen hört, hat genau diese eine Szene im Kopf.

Platz 9: Hans-Jörg Butt jubelt zu lange, Mike Hanke schaut hin

Hans-Jörg Butt war kein normaler Torwart. Der Mann hat Elfmeter geschossen, und zwar richtig gut. 26 Bundesliga-Tore stehen am Ende in seiner Bilanz. Zum Vergleich: Kein anderer Keeper kam auf mehr als zwei.

17. April 2004, Schalke gegen Leverkusen. In der 76. Minute tritt Butt an und verwandelt sicher zum 3:1 für Bayer. Abklatschen hier, Schulterklopfen da. Dann trabt er gemütlich zurück, mit dem Rücken zum eigenen Kasten.

Die Schalker haben den Ball da längst auf dem Anstoßpunkt liegen. Mike Hanke schaut kurz hoch, sieht ein leeres Tor und zieht direkt aus dem Mittelkreis ab. Der Ball fliegt über Butt hinweg ins Netz. 2:3. Butt dreht sich um und begreift erst in dem Moment, was gerade passiert ist.

Leverkusen hat das Spiel trotzdem 3:2 gewonnen, insofern ging es glimpflich aus. Butt nahm es hinterher mit Humor: „Nur muss ich beim nächsten Mal schneller zurück.“ Daran hat er sich gehalten. Seine Elfmetertore feierte er von da an deutlich kürzer.

Platz 8: Christoph Kramer und das Eigentor aus 44,5 Metern

Herbst 2014. Christoph Kramer ist frischgebackener Weltmeister, und das Jahr läuft für ihn wie im Traum. Zwei Tage vor dem Spiel in Dortmund erzählt er einem Freund am Telefon, eines würde ihm nie passieren: ein Eigentor.

9. November 2014, 58. Minute, es steht 0:0. Tony Jantschke spielt den Ball zu Kramer, der will ihn zurück zu Yann Sommer schieben. Will. Der Ball steigt und steigt, Sommer steht ein paar Meter vor seinem Tor, und hinter ihm schlägt es ein. Kramer stand dabei 44,5 Meter vom eigenen Kasten entfernt.

Gladbach verliert 0:1. Dortmund steckte damals tief unten in der Tabelle, für den BVB war das Tor also ein echtes Geschenk. Jürgen Klopp hat es nach dem Spiel ziemlich ehrlich formuliert: „Wenn er das Tor nicht gemacht hätte – ich fürchte, wir hätten keins gemacht.“

Kramer hat sich danach übrigens weniger über das Eigentor geärgert als darüber, dass er insgesamt Grütze gespielt hatte. Jahre später sagte er, im Alltag spreche ihn kaum noch jemand darauf an. Im Fernsehen läuft die Szene trotzdem bei jedem Rückblick.

Platz 7: Andreas Möller und die Mutter aller Schwalben

April 1995, 26. Spieltag, Dortmund gegen Karlsruhe. Der BVB jagt seinen ersten Bundesliga-Titel und liegt zurück. Andy Möller zieht in den Strafraum, KSC-Verteidiger Dirk Schuster ist zwar in der Nähe, berührt ihn aber nicht. Nicht mal ansatzweise.

Möller hebt trotzdem ab, als hätte ihn jemand umgemäht. Der Schiedsrichter zeigt auf den Punkt, Dortmund gleicht per Elfmeter aus, und Matthias Sammer macht spät sogar noch den Siegtreffer.

Eigentlich wäre die Sache damit durch gewesen. Tatsachenentscheidung, Haken dran. Aber die Fernsehbilder waren so eindeutig, dass der DFB etwas tat, was es bis dahin nie gegeben hatte: Er sperrte Möller nachträglich für zwei Spiele und verhängte 10.000 Mark Geldstrafe. Möller war damit der erste Spieler überhaupt, der für eine Schwalbe gesperrt wurde.

Ganz sauber war das allerdings nicht, denn der DFB hatte damit die Entscheidung des Schiedsrichters ausgehebelt. Die FIFA soll den Verband dafür gerügt haben. Möller fehlte eine Woche später beim 1:2 in München, Meister wurde Dortmund am Ende trotzdem. Den Titel „Mutter aller Schwalben“ wird er allerdings nicht mehr los.

Platz 6: Sepp Maier geht auf Entenjagd

15. Mai 1976, Olympiastadion. Drei Tage vorher hat der FC Bayern zum dritten Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Gefeiert wird diesmal nicht auf dem Marienplatz, sondern im Stadion vor dem Heimspiel gegen Bochum. Die Idee dahinter: Vielleicht kommen so mal ein paar Zuschauer mehr. Die drei Pokale stehen auf der Laufbahn, der Oberbürgermeister hält eine Rede.

Und dann watschelt eine Ente aufs Feld. Sie kam vom Olympiasee nebenan und war laut Maier keine Unbekannte: „Die Ente hat im Olympiasee hinterm Stadion gewohnt, ich kannte sie schon!“

Für Sepp Maier war das eine Einladung. Die „Katze von Anzing“ setzt zum Hechtsprung an, mit vollem Einsatz, als ginge es um einen Elfmeter in der Nachspielzeit. Die Ente hat da keine Lust drauf und macht sich davon. Maier liegt im Gras, das Stadion lacht.

Bayern hat an dem Tag übrigens zu null gespielt. Interessiert hat das hinterher niemanden. Maier war Weltmeister, Rekord-Nationaltorwart und einer der ersten Keeper mit diesen riesigen Handschuhen. In Erinnerung geblieben ist er vielen aber als der Torwart, der eine Ente fangen wollte.

Kleiner Einschub, weil es so schön passt: Solche Momente zeigen, wie viel im Fußball nicht planbar ist. Deshalb ist auch der klarste Favorit nie ein sicherer Sieger. Was eine Prognose von 60 Prozent wirklich aussagt und was nicht, haben wir in unserem Artikel über Wahrscheinlichkeiten im Fußball aufgeschrieben.

Platz 5: Stefan Kießling und das Loch im Netz

18. Oktober 2013, Freitagabend in Sinsheim. Leverkusen führt bei Hoffenheim 1:0, 70. Minute, Ecke. Stefan Kießling steigt hoch und köpft. Der Ball geht am Pfosten vorbei ans Außennetz. Abstoß, sollte man meinen.

Nur ist da ein Loch im Netz. Genau an dieser Stelle. Der Ball rutscht durch und liegt plötzlich im Tor. Schiedsrichter Felix Brych fragt bei Spielern und Assistent nach und gibt den Treffer. 2:0, am Ende gewinnt Leverkusen 2:1 und übernimmt über Nacht die Tabellenspitze.

Hoffenheim legt Einspruch ein, und halb Deutschland diskutiert wochenlang über ein kaputtes Tornetz. Das DFB-Sportgericht weist den Protest ab, die Tatsachenentscheidung bleibt bestehen. Kießling musste als Zeuge antreten, und der Richter begrüßte ihn herrlich trocken: „Jetzt haben Sie ja auch mal endlich eine Einladung vom DFB bekommen.“ Ein Seitenhieb darauf, dass Joachim Löw den Torschützenkönig von 2013 seit Jahren nicht mehr nominiert hatte.

Für Kießling selbst waren die Wochen danach alles andere als lustig. Er bekam Drohungen, sogar Briefe nach Hause. Gut ein Jahr später kehrte er nach Hoffenheim zurück und erzielte das Siegtor zum 1:0. In genau dieses Tor. Das Netz hatte diesmal kein Loch.

Platz 4: Thomas Helmer und das Tor, das keins war

23. April 1994, 32. Spieltag. Bayern gegen Nürnberg, für beide geht es um alles: Bayern will Meister werden, der Club kämpft gegen den Abstieg. 26. Minute, Ecke, Gewühl vor dem Tor. Thomas Helmer stochert den Ball mit der Hacke Richtung Kasten. Daneben. Der Ball trudelt am linken Pfosten vorbei ins Aus, Helmer ärgert sich schon über die vergebene Chance.

Dann pfeift Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers und zeigt zur Mitte. Sein Linienrichter Jörg Jablonski hatte ihn überzeugt, der Ball sei drin gewesen. Die Fernsehbilder zeigten etwas ganz anderes. Bayern gewinnt 2:1, Helmer trifft später sogar noch regulär. Daran erinnert sich nur heute keiner mehr.

Nürnberg legt Protest ein und bekommt tatsächlich ein Wiederholungsspiel. Das ging allerdings 0:5 verloren. Am Saisonende steigt der Club wegen des schlechteren Torverhältnisses ab, Bayern wird Meister. Ein Remis im ersten Spiel hätte Nürnberg damals gerettet.

Osmers bekam Morddrohungen, die Polizei fuhr Streife vor seinem Haus. Helmer wurde zwei Jahre später Europameister und holte mit Bayern noch weitere Titel. Trotzdem sagt er bis heute: „Manchmal denke ich, ich werde nur auf dieses Tor reduziert.“

Platz 3: Friedel Rausch wird im Derby in den Hintern gebissen

6. September 1969, Revierderby im Stadion Rote Erde, 39.000 Zuschauer. Dortmund gegen Schalke, die Stimmung ist aufgeheizt, am Spielfeldrand sind Schäferhunde im Einsatz. Irgendwann geht einer davon auf die Schalker los. Gerd Neuser erwischt es am Oberschenkel. Friedel Rausch am Hintern.

Rausch bekam eine Tetanusspritze und spielte weiter. Das Spiel endete 1:1. Vom BVB gab es 500 Mark Schmerzensgeld und einen Blumenstrauß. Die nächsten Nächte konnte er nur auf dem Bauch schlafen.

Und seine Gegenspieler hatten noch lange ihren Spaß. „Fast in jedem Spiel kam einer an und machte wuff-wuff“, erzählte Rausch später. Als ein Mitspieler ihn trösten wollte, es hätte ihn ja auch vorne erwischen können, soll Rausch geantwortet haben: „Dann hätte der Köter seine Zähne verloren.“

Der DFB zog Konsequenzen: Hunde im Stadion nur noch mit Maulkorb. Schalkes Präsident Günter Siebert hatte für das Rückspiel eine eigene Antwort parat. Er ließ Löwen am Spielfeldrand auffahren, um die Dortmunder Fans einzuschüchtern. Kein Witz.

Platz 2: Am Bökelberg bricht der Pfosten

3. April 1971, Gladbach gegen Werder Bremen. Es steht 1:1, und Gladbach braucht im Meisterrennen eigentlich einen Sieg. Herbert Laumen will den Ball ins Tor köpfen, prallt mit dem Bremer Keeper zusammen und fällt rückwärts ins Netz.

Die Pfosten waren damals noch aus Holz, zwölf mal zwölf Zentimeter. Hat nicht gereicht. Der Pfosten bricht direkt über dem Rasen ab, und das komplette Tor kippt um. Laumen dachte sich nach eigener Aussage nur: „Oh, jetzt besser in Deckung gehen.“

Was dann folgt, ist Kreisliga pur. Spieler, Ordner und Fans versuchen zwölf Minuten lang, das Tor wieder aufzustellen. Ein Ersatztor gibt es nicht. Irgendwann reicht es dem Schiedsrichter, er bricht das Spiel ab. Es war der erste Spielabbruch der Bundesliga-Geschichte.

Gewertet wurde die Partie mit 2:0 für Bremen, weil Gladbach als Gastgeber für ein intaktes Tor hätte sorgen müssen. Meister wurde die Borussia am Ende trotzdem. Und die Liga hat daraus gelernt: Seit 1971 stehen in der Bundesliga Tore aus Aluminium. Wenn also heute einer „nur Alu“ trifft, kannst du dich bei Herbert Laumen bedanken.

Platz 1: Wolf-Dieter Ahlenfelder pfeift nach 32 Minuten zur Pause

Zurück ins Weserstadion, 8. November 1975. Werder gegen Hannover 96, sportlich kein Spiel für die Geschichtsbücher. Es endet 0:0.

Trotzdem ist es bis heute Kult. Nach 32 Minuten pfeift Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder zur Halbzeit. Allgemeine Verwirrung. Ahlenfelder merkt, dass da etwas nicht stimmt, und lässt weiterspielen. Ganz hinbekommen hat er es dann aber immer noch nicht: Die erste Hälfte endet trotzdem rund 90 Sekunden zu früh.

Die Erklärung lieferte Ahlenfelder hinterher selbst, und zwar erstaunlich entspannt. Zum Mittagessen hatte es Bier und einen Malteserschnaps gegeben. Damit war für ihn alles gesagt.

Das Schöne an der Geschichte: Geschadet hat sie ihm nicht. 1984 zeichnete ihn der DFB als besten Schiedsrichter aus, im selben Jahr stand er auf der FIFA-Liste. Und Bremen hat ihn nie vergessen. Unweit vom Weserstadion gibt es eine Kneipe mit seinem Namen, und auf der Karte steht das Herrengedeck „Ahlenfelder“. Was da drin ist? Ein Bier und ein Malteser. Was sonst.

Ahlenfelder ist 2014 gestorben. Legendär ist er bis heute, und das mit einem einzigen Pfiff. Einem falschen.

Und am Wochenende?

Was alle zehn Geschichten gemeinsam haben: Keiner hat sie kommen sehen. Kein Modell der Welt rechnet mit einem Schäferhund an der Seitenlinie oder einem Loch im Netz. Und genau deshalb schauen wir uns das jedes Wochenende wieder an.

Fast alle Klubs aus dieser Liste spielen heute noch in der Bundesliga. Werder, Gladbach, Hoffenheim, Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen: Die Bühne für die nächste kuriose Szene steht also jedes Wochenende bereit. Wie wir die kommenden Partien einschätzen, findest du in unserer Übersicht der Bundesliga-Tipps. Einen Überblick über alle Klubs gibt’s auf unserer Vereinsseite. Und wer wissen will, wie viel das eigene Stadion ausmacht: Hier steht, was die Zahlen zum Heimvorteil sagen.

Häufige Fragen zu kuriosen Bundesliga-Momenten

Was war das erste Phantomtor der Bundesliga?

Das erste Phantomtor erzielte Thomas Helmer am 23. April 1994 für den FC Bayern gegen den 1. FC Nürnberg. Der Ball rollte am Pfosten vorbei, trotzdem gab Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers den Treffer. Das Spiel wurde wiederholt, Bayern gewann 5:0. Das zweite Phantomtor gelang Stefan Kießling 2013 in Hoffenheim durch ein Loch im Netz.

Warum sind die Torpfosten in der Bundesliga aus Aluminium?

Wegen des Pfostenbruchs am Bökelberg. Am 3. April 1971 brach beim Spiel Gladbach gegen Werder Bremen ein hölzerner Torpfosten, das Spiel musste abgebrochen werden. Danach wurden die Holztore abgeschafft. Seit 1971 sind in der Bundesliga Tore aus Aluminium Standard.

Welcher Torwart hat die meisten Tore in der Bundesliga erzielt?

Hans-Jörg Butt mit 26 Toren, alle per Elfmeter. Er traf für den Hamburger SV, Bayer Leverkusen und den FC Bayern. Insgesamt trat er 31 Mal an, das ist eine Quote von fast 84 Prozent. Kein anderer Torwart hat in der Bundesliga mehr als zwei Tore geschossen.

Aus wie vielen Metern traf Christoph Kramer ins eigene Tor?

Aus 44,5 Metern. Am 9. November 2014 wollte Kramer beim Spiel in Dortmund den Ball zu Gladbachs Torwart Yann Sommer zurückspielen. Der Ball flog über Sommer hinweg ins Tor. Es war der einzige Treffer des Spiels, Dortmund gewann 1:0.

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