Der neue Trainer gewinnt sein erstes Spiel, und schon ist die Krise abgehakt. Nach dem nächsten Rückschlag beginnt dieselbe Diskussion von vorn. Was ein Trainerwechsel in der Bundesliga tatsächlich bringt, lässt sich besser an mehreren Partien ablesen. Wir haben die Starts von Sebastian Hoeneß in Stuttgart sowie Hansi Flick und Thomas Tuchel bei Bayern nachgerechnet.
Die kurze Antwort: Stuttgart holte in den fünf Ligaspielen nach dem Wechsel sieben Punkte mehr als in den fünf davor, Bayern unter Flick zwei und unter Tuchel einen. Ein Trainerwechsel kann etwas bewegen. Wie groß sein Anteil ist, verrät der Punkteschnitt allein aber nicht. Bei Flick war die Verbesserung an der Torbilanz viel deutlicher zu erkennen.
Was bringt ein Trainerwechsel? Drei Bundesliga-Fälle im Vergleich
Wir haben für drei bekannte Wechsel die Punkte aus den letzten fünf Bundesligaspielen des Vorgängers mit den ersten fünf unter dem Nachfolger verglichen. Ein Sieg zählt drei Punkte, ein Remis einen. Pokal und Europapokal bleiben draußen.
Das sind drei ausgewählte Fälle: ein Abstiegskandidat, zweimal der Rekordmeister. Eine Bilanz aller Bundesliga-Trainerwechsel ist das nicht. Uns interessiert, was die einzelnen Starts über den vermeintlichen Soforteffekt erzählen.
| Trainer / Team | Punkte | Tore | Heim |
|---|---|---|---|
| Hoeneß · Stuttgart | 1 → 8 | 3:9 → 10:9 | 2 → 2 |
| Flick · Bayern | 7 → 9 | 9:12 → 16:5 | 2 → 3 |
| Tuchel · Bayern | 9 → 10 | 13:9 → 9:6 | 2 → 3 |

Hoeneß in Stuttgart: Von einem Punkt auf acht
Als Sebastian Hoeneß am 3. April 2023 für Bruno Labbadia übernahm, war beim VfB dringend ein Lebenszeichen nötig. Aus den fünf Ligapartien davor hatte Stuttgart einen einzigen Punkt geholt. In Hoeneß’ ersten fünf kamen acht dazu.
Sein Bundesligastart brachte sofort ein 3:2 in Bochum. Es folgten das 3:3 gegen Dortmund, ein 1:1 in Augsburg und ein 2:1 gegen Gladbach, ehe der VfB bei Hertha 1:2 verlor. Nach zuvor vier Niederlagen und einem Remis blieb Stuttgart unter Hoeneß zunächst viermal ungeschlagen.
Vor dem Wechsel traf der VfB unter anderem auf Bayern und Union, die am jeweiligen Vortag auf Platz zwei und drei lagen. Danach warteten mit Bochum und Augsburg zwei damalige Tabellenvierzehnte sowie Schlusslicht Hertha. Dortmund stand vor dem Duell auf Platz zwei. Die Aufgaben waren also unterschiedlich. Die Zahl der Heimspiele blieb dagegen gleich: jeweils zwei. Der Spielplan liefert damit Kontext für den Sprung von einem auf acht Punkte; wie viel davon Hoeneß bewirkte, lässt sich aus dieser Gegenüberstellung nicht herausrechnen.
Hoeneß: alle zehn Spiele und Gegnerplätze ansehen
H = Heimspiel, A = Auswärtsspiel. Ergebnisse aus Sicht des betrachteten Teams. Platz = Gegnerposition am Vortag der Partie, nach Punkten, Tordifferenz und erzielten Toren berechnet.
Vor dem Wechsel · 2023
| Datum | Gegner | H/A | Erg. | Platz |
|---|---|---|---|---|
| 25.02. | Schalke 04 | A | 1:2 | 18 |
| 04.03. | Bayern München | H | 1:2 | 2 |
| 11.03. | Eintracht Frankfurt | A | 1:1 | 6 |
| 18.03. | Wolfsburg | H | 0:1 | 8 |
| 01.04. | Union Berlin | A | 0:3 | 3 |
Nach dem Wechsel · 2023
| Datum | Gegner | H/A | Erg. | Platz |
|---|---|---|---|---|
| 09.04. | Bochum | A | 3:2 | 14 |
| 15.04. | Dortmund | H | 3:3 | 2 |
| 21.04. | Augsburg | A | 1:1 | 14 |
| 29.04. | Gladbach | H | 2:1 | 10 |
| 06.05. | Hertha BSC | A | 1:2 | 18 |
Flick bei Bayern: Auch der spätere Erfolgstrainer verlor zweimal
Flicks Bayern-Zeit verbinden wir mit Titeln. Seine ersten fünf Ligaspiele brachten neun Punkte, zwei mehr als die letzten fünf unter Niko Kovač.
Auf zwei 4:0-Siege gegen Dortmund und in Düsseldorf folgten zwei 1:2-Niederlagen, gegen Leverkusen und in Gladbach. Erst danach kam das 6:1 gegen Bremen. Zwei überzeugende Siege zum Auftakt hatten die folgenden Partien also noch lange nicht entschieden.
Bei den Toren sieht der Unterschied viel größer aus: 16:5 unter Flick gegenüber 9:12 im vorherigen Fünferblock. Vorne deutlich mehr Wucht, hinten weniger Gegentore, trotzdem zwei Niederlagen. Wer nur die Punkte betrachtet, verpasst hier einen wesentlichen Teil des Neustarts.
Flick: alle zehn Spiele und Gegnerplätze ansehen
H = Heimspiel, A = Auswärtsspiel. Ergebnisse aus Sicht des betrachteten Teams. Platz = Gegnerposition am Vortag der Partie, nach Punkten, Tordifferenz und erzielten Toren berechnet.
Vor dem Wechsel · 2019
| Datum | Gegner | H/A | Erg. | Platz |
|---|---|---|---|---|
| 28.09. | Paderborn | A | 3:2 | 18 |
| 05.10. | Hoffenheim | H | 1:2 | 12 |
| 19.10. | Augsburg | A | 2:2 | 14 |
| 26.10. | Union Berlin | H | 2:1 | 15 |
| 02.11. | Eintracht Frankfurt | A | 1:5 | 10 |
Nach dem Wechsel · 2019
| Datum | Gegner | H/A | Erg. | Platz |
|---|---|---|---|---|
| 09.11. | Dortmund | H | 4:0 | 3 |
| 23.11. | Düsseldorf | A | 4:0 | 13 |
| 30.11. | Leverkusen | H | 1:2 | 9 |
| 07.12. | Gladbach | A | 1:2 | 1 |
| 14.12. | Bremen | H | 6:1 | 14 |
Tuchel bei Bayern: Ein Punkt mehr, kein Durchmarsch
Nach dem Wechsel von Julian Nagelsmann zu Thomas Tuchel im März 2023 gewann Bayern 4:2 gegen Dortmund und 1:0 in Freiburg. Es folgten ein 1:1 gegen Hoffenheim und das 1:3 in Mainz. Das 2:0 gegen Hertha brachte die Bilanz nach fünf Ligaspielen auf zehn Punkte. Nagelsmann hatte aus seinen letzten fünf neun geholt.
Beim Punkteschnitt blieb die Veränderung damit klein. Aus 13:9 Toren wurden 9:6: weniger eigene Treffer, aber auch weniger Gegentore. Dazu hatte Tuchel drei Heimspiele, Nagelsmann im Vergleichsabschnitt zwei. Der Auftaktsieg gegen Dortmund allein hätte diese Unterschiede verdeckt.
Tuchel: alle zehn Spiele und Gegnerplätze ansehen
H = Heimspiel, A = Auswärtsspiel. Ergebnisse aus Sicht des betrachteten Teams. Platz = Gegnerposition am Vortag der Partie, nach Punkten, Tordifferenz und erzielten Toren berechnet.
Vor dem Wechsel · 2023
| Datum | Gegner | H/A | Erg. | Platz |
|---|---|---|---|---|
| 18.02. | Gladbach | A | 2:3 | 10 |
| 26.02. | Union Berlin | H | 3:0 | 3 |
| 04.03. | VfB Stuttgart | A | 2:1 | 15 |
| 11.03. | Augsburg | H | 5:3 | 13 |
| 19.03. | Leverkusen | A | 1:2 | 9 |
Nach dem Wechsel · 2023
| Datum | Gegner | H/A | Erg. | Platz |
|---|---|---|---|---|
| 01.04. | Dortmund | H | 4:2 | 1 |
| 08.04. | Freiburg | A | 1:0 | 4 |
| 15.04. | Hoffenheim | H | 1:1 | 14 |
| 22.04. | Mainz | A | 1:3 | 8 |
| 30.04. | Hertha BSC | H | 2:0 | 18 |
Regression zur Mitte: Warum der Tiefpunkt den Vergleich verzerrt
Trainer werden selten nach fünf überzeugenden Siegen entlassen. Häufig kommt der Schnitt nach einer besonders schlechten Serie. Wenn dabei neben spielerischen Problemen auch Pech eine Rolle spielte, kann schon dessen Ausbleiben die nächste Bilanz verbessern. Die Mannschaft nähert sich dann wieder ihrem üblichen Niveau. In der Statistik heißt diese Rückkehr nach einem extremen Ausschlag Regression zur Mitte.
Bayern macht die Schwierigkeit an echten Zahlen sichtbar. Kovač holte zu Beginn der Saison 2019/20 elf Punkte aus fünf Ligaspielen. Aus seinen letzten fünf wurden sieben, Flick kam danach auf neun. Je nach Vergleichsfenster sieht derselbe Start also anders aus: besser als unmittelbar vor dem Wechsel, beim Punkteschnitt schwächer als in den ersten Saisonwochen unter dem Vorgänger. Welchen Anteil Regression zur Mitte, Flicks Arbeit oder andere Einflüsse daran hatten, lässt sich daraus nicht bestimmen.
Zum Ergebnis gehört deshalb der Spielverlauf. Ein 1:0 mit ständigem Druck auf das gegnerische Tor ist anders einzuordnen als ein 1:0 nach einem frühen Elfmeter und 80 Minuten Abwehrarbeit. Für solche Urteile braucht es Spielberichte oder belegte Szenen. Der Endstand allein gibt sie nicht her.
Was die Forschung zum Trainereffekt sagt
Die Forschung geht deshalb über solche einfachen Gegenüberstellungen hinaus. Sebastian Zart und Arne Güllich untersuchten 2022 im Journal of Sports Sciences 149 Fälle von Trainerwechseln und 3.960 Spiele aus Bundesliga, Premier League und La Liga zwischen 2010 und 2019. Sie fanden eine sofortige Verbesserung, die bis zu 16 Ligapartien nach dem Wechsel anhielt. Die Entwicklung unterschied sich auch von passenden Vergleichsmannschaften ohne Trainerwechsel. Die Autoren sehen darin einen eigenständigen Trainereffekt, der über eine bloße Erholung nach dem Tiefpunkt hinausgeht.
Eine 2024 in Biology of Sport erschienene Übersichtsarbeit von Honorato Sousa und Kollegen bündelte 24 Studien. Das Bild fiel gemischter aus: Einige Arbeiten fanden kleine positive Effekte, vor allem kurzfristig, andere kaum oder keine. Die Untersuchungen unterschieden sich unter anderem in den betrachteten Ligen, Zeiträumen und Vergleichsverfahren.
Für den nächsten Spieltag ergibt sich daraus keine feste Sieg-Regel. Hoeneß, Flick und Tuchel gewannen zwar alle ihr erstes Bundesligaspiel im neuen Job. Unsere Auswahl enthält aber nur diese drei bekannten Fälle. Wie oft das bei sämtlichen Trainerwechseln gelingt, haben wir hier nicht untersucht.
Wie wir das nächste Spiel nach einem Trainerwechsel einschätzen
Für den Vorbericht lohnt sich nach einer Entlassung vor allem die Suche nach konkreten Änderungen. Vier Fragen helfen dabei:
- Was ist auf dem Platz anders? Steht die Abwehr tiefer, bekommt ein anderer Spieler die Zehnerrolle, wird früher gepresst? Eine belegte Änderung sagt mehr aus als die Behauptung, die Mannschaft lebe wieder.
- Wen hatte die Mannschaft vor der Brust? Ein leichteres Programm kann den Punkteschnitt heben. Auch der Heimvorteil gehört in den Vergleich: Hatte der Neue zum Auftakt gleich zweimal das eigene Publikum im Rücken?
- Wie gut passt der kommende Gegner? Wer zuletzt mit langen Bällen gefährlich war, trifft vielleicht jetzt auf eine kopfballstarke Abwehr. Eine Änderung kann gegen den einen Gegner funktionieren und gegen den nächsten verpuffen.
- Wie viel Vorbereitung war überhaupt möglich? Zwischen einer Übernahme am Freitag vor dem Samstagsspiel und zwei Wochen Trainingsarbeit liegt ein ordentlicher Unterschied. Die erste Aufstellung kann schon etwas verraten; ein komplett neues Spielsystem erwarten wir nach einer Einheit nicht.
Solche Hinweise gehören in die redaktionelle Einschätzung unserer Bundesliga-Tipps. Wenn wir einer Mannschaft nach dem Wechsel mehr zutrauen, wollen wir erklären können, was gegen ihren nächsten Gegner besser funktionieren soll. Die berechneten Wahrscheinlichkeiten erhalten dadurch keinen automatischen Trainerbonus. Wie Berechnung und Vorbericht zusammenspielen, erklären wir in unserer Tipp-Methodik.
So haben wir verglichen
Eigene Auswertung vom 26. Oktober 2026: jeweils die fünf Bundesligaspiele unmittelbar vor und nach dem Trainerwechsel. Wechseltermine: Flick 3.11.2019, Tuchel 24.3.2023, Hoeneß 3.4.2023. Die Punkte wurden aus den Endständen berechnet; maximal waren je Abschnitt 15 möglich. Die Torbilanz zählt die eigenen Tore und Gegentore des betrachteten Teams. Für den zusätzlichen Bayern-Vergleich verwenden wir die ersten fünf Ligaspiele 2019/20.
Die Gegnerplätze in den Spielübersichten sind aus den bis zum jeweiligen Vortag abgeschlossenen Ligaspielen berechnet: Punkte, Tordifferenz, erzielte Tore. Bei Gleichstand in allen drei Werten teilen sich Teams einen Platz. Später gespielte Partien gehen nicht ein. Diese Zwischenstände und die Heim-/Auswärtsangaben zeigen den Spielplan; sie sind keine rechnerische Bereinigung der Ergebnisse um die Gegnerstärke. Grafik und Tabelle beschreiben drei ausgewählte Fälle, nicht den durchschnittlichen Erfolg aller Trainerwechsel.
Ergebnisdaten: Football-Data.co.uk, Bundesliga 2019/20 (CSV) und Bundesliga 2022/23 (CSV). Wechseltermine: Trainerhistorie des FC Bayern und die oben verlinkte VfB-Mitteilung. Die beiden wissenschaftlichen Untersuchungen sind im Text direkt verlinkt.
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